Mariana Enriquez ist als Horrorgenie mit Hang zum Okkultismus bekannt. Mit »Unser Teil der Nacht« legt sie einen Roman vor, der Dämonisches und Historisches zu einer neuen Realität verflicht. Diese Realität erinnert mit ihrer beinahe wissenschaftlich-nüchterne Ästhetik an Gedichte von Gottfried Benn: Morbid und faszinierend.
Das Buch erzählt die Geschichte des verwitweten, schwerkranken Juan, der verzweifelt versucht, seinen Sohn Gaspard den Fängen eines Ordens zu entziehen. Dieser Kult möchte den Jungen (wie zuvor schon Juan) als Medium benutzen – und damit dem Tod weihen. Das Buch erzählt auch die Geschichte der Familie Bradford, die durch Macht und zahlreiche Abhängigkeiten aneinandergekettet wird, sodass das, was sich fliehen sollte, sich nicht fliehen kann. Das alles spielt sich im Argentinien der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts ab: Hintergrund der Geschichte ist die grausame Militärdiktatur, die anschließende Rückkehr zur Demokratie und die schwere Wirtschaftskrise.
Historischer Hintergrund: Stimmung und Zeitgeist statt Fakten
Enriquez legt den Fokus ihrer Erzählung allerdings nicht aufs Politische. Vielmehr geht es ihr darum, die (albtraumhafte) Familien- und Ordensgeschichte zu erzählen und die beklemmende Atmosphäre der Militärdiktatur mit den Horrorelementen greifbar zu machen. Deutschlandfunk Kultur zitiert die Autorin:
Ich schreibe Situationen, die mir oder der Gesellschaft, in der ich lebe, Angst machen – argentinische und lateinamerikanische Situationen.
Das gelang: Fiktion und Fakten beleuchten sich gegenseitig und eröffnen weitere Deutungsebenen und Zugänge. Auch Lesern, die (wie ich) nicht firm sind in südamerikanischer Geschichte. Mir scheint das Buch auch ein Denkmal für die verschollenen Opfer der Militärdiktatur und deren Angehörige zu sein. Zwischen 1976 und 1983 verschwanden zigtausende Menschen spurlos, das Schicksal vieler ist bis heute ungeklärt. Wunden, die zu dieser Zeit geschlagen wurden, sind noch immer nicht verheilt.
Alternative Realität mit filmreifem Horror
Alltägliches, Heiliges, Dämonisches und Historisches begegnen sich in der Erzählung auf Augenhöhe – so verbinden sie sich zu einer eigenen Realität. Wer »Hundert Jahre Einsamkeit« von Gabriel García Márquez gelesen hat, wird sich daran erinnert fühlen. Allerdings ist der Ton in »Unser Teil der Nacht« nüchterner, kühler. Szenen, in denen das Dämonische sich Bahn bricht, sind drastisch in ihrer Darstellung und morbid – allerdings auch so sehr in die Normalität der erzählten Welt eingebettet, dass sie eher faszinieren als verstören. Dazu kommt die plastische Sprache, mit der Enriquez die Szenen als bildgewaltiges, filmreifes Spektakel formt: Selten sind blutige Rituale so ästhetisch.
Traumata und Schopenhauers Stachelschweine
Der eigentliche Horror der Erzählung liegt nicht im Unbekannten, mit dem man in Gestalt von Geisterhäusern und blutdurstigen, amorphen Gottheiten konfrontiert wird; der echte Horror besteht darin, was Menschen sich anzutun imstande sind – auch und vor allem, wenn sie sich nahestehen (sollten). An einer Stelle scheint sich Enriquez konkret auf Schopenhauers Parabel »Die Stachelschweine« zu beziehen:
Wenn er Zuneigung empfand, führte er sich auf, als wäre die Welt ein Stachelschwein und er wüsste nicht, wo er sich hinsetzen sollte.
Enriquez: UNser Teil der Nacht, S. 586
Schopenhauer schildert in seinem kurzen Text, wie Stachelschweine versuchen, sich im Winter zu wärmen, indem sie sich aneinanderschmiegen. Das ist ihnen aber schnell unerträglich, weil sie sich durch die Nähe mit ihren Stacheln traktieren. Also rücken sie wieder voneinander ab und suchen eine Position zueinander, bis sie zwischen »Tod« und »Leiden« diesen einen Fleck der Behaglichkeit finden, den bestmöglichen Kompromiss.
Im Buch scheint keine der Personen eine komfortable Distanz zu ihrem Nächsten einnehmen zu können. Selbst die harmonischeren Beziehungen sind konfliktreich. Die Liebe zwischen Juan und Gaspard ist groß, aber auch verzweifelt und ihre Beziehung von Geheimnissen und Unverständnis geprägt. Juan ist eine faszinierende Figur, aber keine, mit der man sich identifiziert. Er ist ein tragischer Charakter, der mehr Leserliebe verdient, als er erregt. Gaspard indessen ist der Charakter, der den Leser emotional durch die Geschichte trägt. Vielen der anderen Figuren wird ein Thema angehängt – Sexualität, Gender, Kolonialismus, Klassenkampf –, das über ihr Erleben ausgearbeitet und visualisiert wird. Sie wirken dennoch nicht als bloße Vehikel ihres Themas, sondern als eigenständige, ausgereifte Persönlichkeiten. Oft fragt man sich beim traumatisierten Personal des Romans auch, wo die Grenze zwischen überweltlicher Erfahrung und Psychose verschwimmt.
Heldenreise mit Panorama-Ausblick
Ich war immer wieder bass erstaunt, dass dieses komplexe Erzählkonstrukt tatsächlich funktioniert! Das tut es allerdings um den Preis eines langsamen Erzähltempos. Ich lieb’s – andere könnte es abschrecken. Einerseits erzählt »Unser Teil der Nacht« die Heldengeschichte von Juan und Gaspard, andererseits möchte es aber auch ein Portrait von Brauchtum und Zeitgeist malen. Also trägt sich der Text nicht allein durch Spannung. Außerdem ist das Gesamtbild kaleidoskopisch: Es setzt sich zusammen aus den Perspektiven verschiedener Figuren, ihren komplexen Beziehungen und den »historischen« Zusammenhängen. Um all das Stück um Stück vor dem detektivischen Leser zu offenbaren, bedient sich die Autorin häufig der Rückblende – was den Leser zwar erhellt, aber das Erzähltempo zusätzlich ausbremst.
Für mich war es eine intensive, faszinierende Lektüre, die ich Leser*innen mit Hang zum Hintergrund und magischen Realismus nur wärmstens empfehlen kann.
