Ganz ehrlich: Bei der Covergestaltung und dem allgemeinen Hype um das Buch habe ich einen kurzen, zuckrigen Nostalgieschock mit anschließend zäher Lektüre erwartet. Ich lag völlig daneben. »Morgen, morgen und wieder morgen« ist intelligent, aber auf eine unangestrengte Weise. Es berührt – ohne Effekthascherei und Kitsch. Und es schwelgt in Nostalgie, ohne zu verklären. Für mich war es ein überraschend, ein teils überwältigend reifes, lebenskluges Buch – das sich locker-leicht liest wie Unterhaltungsroman.
Sam und Sadie begegnen sich als Kinder zum ersten Mal im Spielzimmer eines Kinderkrankenhauses – und werden beste Freunde und Gaming-Buddies. Ein Streit und ihre weit auseinanderklaffenden Lebenswelten treibt sie nach 609 Stunden Freundschaft auseinander. Erst Jahre später treffen sie sich als Studenten wieder. Ihre Beziehung lebt erneut auf und sie wagen sich an ein ehrgeiziges Projekt: Gemeinsam entwickeln sie ein Videospiel, mit dem sie direkt mitten ins Schwarze treffen. Was als vielversprechende Unternehmensgründung beginnt, wird bald von Schicksalsschlägen, Rivalität und Gefühlschaos auf die Probe gestellt.
Hommage ans Gaming
Mit sechs Jahren bekam ich zu Weihnachten meinen ersten Gameboy geschenkt – seither bin ich treuer »Console Peasant«. Diesem Hobby haftet allerdings ein schaler Beigeschmack an – man bekam so häufig zu hören, es gebe immer »Besseres« zu tun, dass man’s irgendwann selbst glaubte. Drum ist Gaming für mich auch heute noch ein »Guilty Pleasure«, das ich mir nicht so oft und unbeschwert gönne, wie ich gerne würde.
Umso mehr freue ich mich, dass Zevin die Gamingbranche in einem bemerkenswerten literarischen Werk auf eine Ebene mit anderen, etablierten Kunstgewerben stellt und gegenüber den gängigen Vorbehalten aufwertet! Gamedesign wird als Kunstform gefeiert und aufmerksames Gaming als Kunstgenuss. Ein erfrischender Gegenentwurf.
Die Katastrophe als Teil des Lebens
Zevins Figuren agieren alle auf Maximalkapazität. Es schien mir immer wieder schier unmöglich, dass sie sich von den Schicksalsschlägen, die ihnen das Leben so lapidar hinwarf, jemals erholen und weitermachen würden. Und doch haben sie es jedes Mal geschafft. Was Zevin damit zeigt: Die Katastrophe ist nicht der große Ausnahmezustand im Leben des Menschen, sie ist zentraler Bestandteil. An diesem Punkt ähneln sich nach ihrer Auffassung Spiel und Leben: In beiden geht es wesentlich darum, an (manchen) Herausforderungen (zunächst) zu scheitern und anschließend daran zu wachsen. Kein Leben verläuft glatt. Jeder von uns stirbt bei Schicksalsschlägen und Niederlagen viele kleine Tode – Game over –, um bei deren Bewältigung wieder neu aufzuerstehen. Auch wenn man im Nachgang nicht immer sagen kann, wie das gelungen ist. Die moderne Lust daran, das Selbstverständnis auf den Katastrophen aufzubauen, die einem widerfahren sind, statt auf der Bewältigung, kritisiert Zevin in einem Dialog:
»Wenn du einer meiner Studenten wärst, würdest du deinen Schmerz tragen wie einen Orden. […] Die glauben wirklich, die Traumata wären das Interessanteste an ihnen.«
»Wenn ihre Traumata das Interessanteste an ihnen sind, wie wollen sie sie dann überwinden?«
Zevin: Morgen, morgen und wieder morgen (S. 550–551)
Ich empfinde bei dieser Perspektive große Erleichterung: Sie erlaubt das Scheitern, normalisiert es sogar. Normalisiert aber im gleichen Zug die »Wiederauferstehung« und nimmt damit jedem einzelnen den Druck, sich erst als Held stilisieren und anschließend in dieser Rolle behaupten zu müssen. Im Leben legt man sich auf die Nase. Dann steht man wieder auf. So ist das.
Zwischenmenschliches als eigenes Universum
Die Welt dieser Geschichte ist eine Bühne, auf der sich in erster Linie menschliche Beziehungen und Dramen abspielen. Die Autorin hat die 90er und frühen 00er-Jahre und im speziellen die Gaming-Branche als Setting gewählt – was sie bespricht, ist aber universell, sodass Adaptionen in vielen verschiedenen Settings leicht denkbar wären. Die Figuren werden mit warmherzigem Blick, aber auch dreidimensional erzählt. So haben sie in mir die komplette Bandbreite von »Ich will dich schütteln« bis »Ich will dich drücken« ausgelöst.
»Morgen, morgen und wieder morgen« ist laut Klappentext ein »großer Roman über Freundschaft, Liebe und alle Schattierungen dazwischen«. Tatsächlich ist es ein großes Verdienst des Buches, die gute, alte »platonische Liebe« wiederzubeleben. Wo sich nun endlich, zumindest allmählich, in westlichen Gesellschaften die Haltung gegenüber der LGBTIQ-Community auflockert, gibt’s in allen möglichen Spielarten erotischer und romantischer Liebesgeschichten großen Nachholbedarf – hinzu kommt, dass die gute alte Liebesgeschichte sowieso ein Dauerbrenner ist. Diese Art zwischenmenschlicher Beziehung ist vielleicht auch deshalb insbesondere in »junger« Literatur omnipräsent. Richtig und wichtig, aber ich find’s auch erfrischend, eine weitere Art (außerfamiliärer) Beziehung vorgesetzt zu bekommen, die tiefgehend erkundet wird.
Ich sehe in diesem Buch auch ein berührendes Plädoyer für die sozial-emotionale Gleichwertigkeit introvertierter Menschen. Ihnen wird oft unterstellt, sie verstünden nichts von ihren Mitmenschen, manchen Leuten gelten sie rundheraus als Misanthropen. Dabei verwenden sie lediglich andere Register, um Empathie und Zuneigung auszudrücken. Dass diese Ausdrucksformen oft nicht (an)erkannt werden, kann bei introvertierten Menschen schnell zum Eindruck führen, sie wären sozial inkompetent, ein Mensch mit Defekt. Die Geschichte illustriert das insbesondere an Sam, der u. a. in seinen Spielen eine ausgeprägtere Menschenkenntnis an den Tag legt, als er sich selbst zugestehen würde.
Die Mär vom »Erwachsensein«
Ich habe das Buch auch als Bildungsroman für die »neue Adoleszenz« von 25 bis 35 Jahren gelesen. Für eine Generation junger-nicht-mehr-ganz-junger Menschen, die ihre Persönlichkeitsbildung nicht mehr ohne weiteres an einer beruflichen Identität oder einem etablierten Lebensentwurf festmachen können, weil die sich heute, wenn überhaupt, oft erst spät finden. Mit Praktika, Ausbildungen, Volontariaten und Umschulungen vergehen Jahre, bis man eine geeignete Position für sich und Anerkennung darin gefunden hat. Während dieser Suche steht die Selbstfindung in anderen Bereichen oft still – denn erst die ersehnte »Sicherheit« einer Festanstellung, in der man sich auch langfristig sieht, bietet die Stabilität, sich den »großen Fragen« zu stellen. Wir lernen Sam und Sadie als Kinder kennen, quasi in ihrem persönlichen Naturzustand. Wir beobachten, was die Konfrontation mit der Welt daraus formt und wie beide Figuren schließlich auf einen Kompromiss zwischen äußeren Anforderungen und Innenwelt einschwingen. Für mich steht am Ende die Erkenntnis, dass das ominöse »Erwachsensein« sein Heilsversprechen von Reife, Souveränität und Transzendenz nicht einlöst – es lohnt nicht, dieses Gespenst zu jagen. Jeder muss stattdessen seinen höchstpersönlichen Frieden mit der Welt schließen – bei diesem Ringen schlägt man sich auch mal mit Ü30 noch das Knie blutig. Eine neue Norm?
»Morgen, morgen und wieder morgen« ist ein vielschichtiges Buch, in dem sich auch mancher wiederfinden könnte, der damit nicht gerechnet hätte – ich möchte es jedem wärmstens empfehlen!
