Das Jugendbuch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für emotionales Erwachen von und Zusammenhalt unter Mädchen und Frauen.
Die sechzehnjährige Rhi entdeckt auf ihrer morgendlichen Rangertour durch den Nationalpark von Happy Valley ein Gruppe sonderbarer, von Wölfen flankierter Mädchen, von denen eines schwer verwundet ist. Sie ruft Hilfe und entreißt die Mädchen damit unwiderbringlich der Wildnis, in der sie aufgewachsen sind. Rhi, Einzelgängerin wider Willen, wird Teil des »Rudels« und lernt gemeinsam mit den wilden Mädchen, sich selbst zu begreifen und sich in einer Welt zu behaupten, die Mädchen und Frauen als leichte Beute betrachtet.
Feminismus für jugendliche und erwachsene Leserinnen
Ein Buch, das seinem feministischen Anspruch gerecht wird: Die Protagonistinnen behaupten sich mit Eigenschaften und Fertigkeiten, die prinzipiell jedem Mädchen und jeder Frau nach einer (kürzeren oder längeren) persönlichen Reise zur Verfügung stehen. Das Ganze kommt obendrein ohne Pauschalverurteilung von Männern aus, von denen einige selbst unter den patriarchalen Strukturen und Rollenzuschreibungen leiden.
Die stattliche Liste der Content Notes ist allerdings ernstzunehmen: PTBS, Suizid, Essstörung, Bodyshaming, häusliche Gewalt, emotionaler Missbrauch und Vergewaltigung. Themen sind außerdem: Einsamkeit, Emotionsphobie und Lateral violence. Das Buch ist eine emotionale Herausforderung – für jugendliche Leser*innen genauso wie für erwachsene.
Es geht aber auch um Wahlfamilie und Loyalität. Um Selbstfindung, Befreiung und Heilung. Die Autorin zeigt mit feinem Gespür auf, wie Mädchen und Frauen in die ihnen zugedachte Rolle gedrängt werden – und welche ersten Schritte sie wieder herausführen können.
Ich bin mir nicht sicher, wie zugänglich einige der feineren Nuancen einer jüngeren Leserschaft sind (Stichwort: Jugendbuch). Hier werden Teenagern Einsichten und Standpunkte in den Mund gelegt, die so manch erwachsene Person erst mit (therapeutischer) Hilfe zu fassen bekommt. Das macht die Erkenntnisse an sich aber nicht weniger wertvoll – für jede Altersgruppe.
Magischer Realismus und weibliche Realität
Sprachlich ist das Buch auf unangestrengte Weise poetisch, was insbesondere in den Teilen auffällt, die mit einer Art magischem Realismus spielen. Zumeist bewegt sich das Buch aber in einem klar und konsequent realistischen Setting, das Zugeständnisse wie »narrative Gerechtigkeit« nur spärlich verteilt.
Neben Rhi kommen auch die wilden Mädchen als Perspektivcharaktere zu Wort. Einschübe in Gestalt von E-Mails, Newssnippets und Exzerpten ergänzen ihre Sicht der Dinge. Ein vielstimmiges Buch also. Das ist grundsätzlich bereichernd, macht die Lektüre aber auch weniger geradlinig. Ich empfehle, ein Personenverzeichnis anzulegen.
Für manche Leser*innen ist das Buch wahrscheinlich schmerzhaft nah an eigenen Erfahrungen, aber Durchhalten lohnt sich! Es lassen sich Einsichten gewinnen, die Wachstum versprechen – als (junge) Frau und she-wolf. Rhi und ihr Rudel werden mich jedenfalls noch eine Weile begleiten.
Die deutsche Übersetzung ist bei Fischer Sauerländer erschienen.
