Philadelphia in den frühen 2000er Jahren: Deena Garvey verschwindet spurlos – zurückbleiben ihre kleine Tochter Ruby und Deenas Schwester Nessa. Die beiden werden auseinandergerissen, als Lucas, Rubys Vater und Deenas Ex-Freund – und in Nessas Augen ihr Mörder –, mit seiner Tochter in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Vermont umsiedelt. Während Lucas Rubys Erinnerungen an ihre Mutter auslöschen möchte, kämpft Nessa aus der Ferne darum, sie zu erhalten.
Die Geschichte folgt Nessa, die um Lucas‘ gewalttätiges Naturell hinter der glatten Fassade weiß und um das Wohlergehen ihrer Nichte fürchtet. Sie folgt vor allem aber Rubys Perspektive, die das Rätsel ihrer Herkunft und Vergangenheit lösen und die Launen eines janusköpfigen Tyrannen überleben muss.
Psychologischer Roman mit dreidimensionalem Personal
Verkauft wird das Buch als Kriminalgeschichte – für mich stand beim Lesen aber die erstklassige Umsetzung eines psychologischen Romans im Zentrum. Die Figuren sind dreidimensional und wirken auf eine geradezu organische Weise authentisch – als wären sie aus dem Boden gewachsen und mitten ins Leben gelaufen und nicht geschrieben worden. Selbst Seitencharaktere sind klar motiviert und deutlich gezeichnet. So zu schreiben erfordert vor allem eine große Beobachtungsgabe.
Die Autorin hat außerdem gute Ausdrucksformen selbst für unterschwellige Dynamiken und aufgeladene Interaktionen gefunden. Entstanden ist in dieser Verbindung eine authentische, schonungslose Erzählung, die ohne Effekthascherei auskommt und einfühlsam auf die inneren Kämpfe der Figuren eingeht – die zu oft auch unsere Mitmenschen ausfechten müssen. Meist ohne unser Wissen.
Emanzipation der modernen Frau: Ein Schicksal für viele
Die Erzählung illustriert die schwerwiegenden Auswirkungen eines grausamen Mannes auf das Leben dreier Frauen und welcher Anstrengungen es im bestehenden Gesellschaftssystem bedarf, sich selbst und andere vor Männern wie Lucas zu schützen.
Ruby ist »ein Mädchen für das neue Jahrtausend«. Lucas erzieht seine Tochter nicht in die klassische Frauenrolle und realisiert nicht, dass er ihr dabei die Mittel für ihre Emanzipation selbst an die Hand gibt:
»Gib einem Kind zu essen, und du ernährst es für einen Tag; bring einem Kind das Jagen bei – und du ernährst es für ein ganzes Leben.«
Die zentrale Frage ist: Wird Ruby sich erkennen, den absoluten Anspruch ihres Vaters nach Unterwerfung abzuschütteln und ihre Freiheit mit beiden Händen ergreifen können? Darin habe ich Ruby über ihr persönliches Schicksal hinaus auch als personifizierten Kommentar zur Emanzipation der Frau innerhalb der modernen westlichen Gesellschaft gelesen.
Bemerkenswert ist neben der hervorragenden Erzählung auch die Buchgestaltung und Ausstattung: Bedrucktes Leinen, Hardcover, Fadenheftung. Ein echter Handschmeichler.
